Marie Antoinette bittet zum Kaffee

Personen:

Marie-Antoinette, Königin von Frankreich

Charlotte, Bedienstete und Konditorin

Manon, Pianistin und Sängerin

Höfische Musik (Gluck), die abbricht, als die Königin wütend reinstürmt.

Marie-Antoinette

Qu’ils mangent de la brioche!

Qu’ils mangent de la brioche!

Qu’ils mangent de la brioche!

Wenn die Leute kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.

Wenn die Leute kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.

Ich bin mein Leben lang als Königin sorgfältig mit der Sprache umgegangen und das ist es, was die Menschen jetzt von mir in Erinnerung haben.

Wenn die Leute kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.

Stellen Sie sich mal vor, Sie würden morgen sterben. Nicht, dass Ihnen gleich einer den Kopf vom Rumpf trennt, aber zum Beispiel ein Autounfall oder plötzliches Herzversagen. Kann ja vorkommen. Und dann behauptet einer – wie heißen Sie? Ja Sie! – dann behauptet einer: Immer im Frühling, wenn bei den Veilchen die ersten Knospen sprossen, erblühte auch der Allerwerteste von XXX und er furzte wie ein Weltmeister!“ Natürlich nichts Wahres dran, an dieser Behauptung. Und alle, die Sie persönlich gekannt haben, wissen das auch. Aber dann macht es trotzdem die Runde und eines Tages ist dann das einzige, was den Leuten im Gedächtnis bleibt, dass Sie ein Weltmeister im Furzen waren. Selbst nach Jahrhunderten!

Dieser verdammte Jean-Jacques Rousseau! An und für sich ein kluger Philosoph. Ich habe seine Werke mit Begeisterung gelesen und mit meinen Hofdamen seinerzeit sogar sein Grab besucht – bei Gelegenheit können wir uns gerne über seine Denkansätze austauschen – aber er war es, der in seinen Memoiren schrieb: „Ich erinnerte ich mich des Notbehelfs einer großen Prinzessin, der man sagte, die Bauern hätten kein Brot, und die antwortete: Dann sollen sie Brioche essen!“ Als er das schreib, war ich gerade mal 10 Jahre alt, weder Königin noch Prinzessin. Und viel später als die unsägliche Revolution ihren Anfang nahm und ich das angeblich gesagt haben soll, lag er schon seit Jahren unter der Erde.

Nur die Geschichtsschreibung hat mir diesen Satz – und dann auch noch falsch übersetzt – irgendwann mal angehängt und seither haftet er wie eine Klette an mir.

Er beschreibt zu schön die Melange aus Unbedarftheit und Dekadenz, aus Korruption und adligem Hochmut, die man einer verurteilten und hingerichteten Königin im Nachhinein gerne zuschreibt.

Also: „Wenn die Leute kein Brot haben, dann sollen sie Kuchen essen.“ Ich will es nicht mehr hören! Ein für alle Mal Schluss damit!

Jetzt, wo das geklärt ist, können wir uns gerne gepflegt unterhalten.

Sie setzt sich.

Und bitte starren Sie nicht so auf meinen Hals. Ja, der Vorfall hat eine Narbe hinterlassen. Früher habe ich das noch überschminkt. Aber – na gut – Charlotte! Charlotte! Charlotte!

Charlotte

Charlotte knickst, M.A. knickst zurück aber weniger tief. (dies geschieht bei jeder neuen Konversation zwischen M.-A., Charlotte und Manon)

Ja!

Marie-Antoinette

Das bernsteinfarbene Collier bitte. Du weißt schon, das elastische, das den Hals nicht so zuschnürt!   … Wenn es zu meiner Zeit schon Bijou Brigitte gegeben hätte. Obwohl: Diese Halsbandaffaire hätten sie mir trotzdem irgendwie angehängt. Mein Leben lang war ich von intriganten Kirchenmännern umgeben. Gut, dass die inzwischen ihre Macht verloren haben.  Völlig aberwitzig, dass diese inzwischen total unbedeutenden Kirchenmänner es trotzdem noch schaffen, so viel Unfug anzustellen, dass das Volk massenhaft austritt. Gerüchten zufolge sorgt allein das Missmanagement bei den Terminvergaben dafür, dass noch nicht alle aus der Kirche ausgetreten sind. Ich sage da nur: Liberté, Égalité, Fraternité!

Charlotte kommt mit dem Halsband

Charlotte, wir haben Gäste. Begrüße sie doch bitte.

Charlotte macht einen stummen Knicks Richtung Publikum

Charlotte, habe ich Dich irgendwann ungerecht behandelt?

Charlotte schüttelt den Kopf

Habe ich Dich nicht als meinesgleichen angesehen?

Charlotte schüttelt den Kopf

Habe ich von Dir schon mal verlangt, du sollst Kuchen essen statt Brot?

Charlotte zögert kurz und verzieht das Gesicht, schüttelt dann den Kopf

Charlotte spricht nicht viel. Vielleicht ist das der Grund, warum ich umso mehr vor mich hinrede. Eine muss es ja tun. Wenn auch ich schweigen würde …

Sie tut es eine Zeit lang, bedeutet Charlotte die Gäste zu unterhalten, was wegen Charlottes Hilflosigkeit oder Unwillen nicht funktioniert

… sehen Sie. Es würde ziemlich langweilig. Wo waren wir? Ach ja: „Liberté, Égalité, Fraternité!“

Der Spruch ist nicht von mir und Sie haben bestimmt nicht erwartet, ihn von mir zu hören. Aber wirklich ein verdammt guter Slogan. Und als ich ihn das erste Mal hörte, habe ich sein Potential sofort erkannt.

Eine Parole mit politischer Durchschlagkraft. Von klein auf habe ich mich für Politik interessiert. Denn Politik dominierte bei uns den Haushalt. Meine Mutter war zur Zeit meiner Geburt ganz mit Staatsgeschäften beschäftigt und bereitete einen Konflikt vor, der später als der Siebenjährige Krieg in die Geschichte eingehen sollte. Mich bekam sie ganz nebenbei. Auch das Kinderkriegen inzwischen Alltag in ihrer Routine. Schließlich war ich ihr fünfzehntes Kind.

Wenn sich von Ihnen jemand gefragt haben sollte, warum ich als französische Königin so gut deutsch spreche: Meine Mutter war Maria Theresia, Kaiserin von Österreich und als ich am 2. November 1755 das Licht der Welt erblickte, lautete mein Geburtsname: Maria Antonia Josepha Johanna Erzherzogin von Österreich.

Als Nesthäkchen wurde mir keine besondere Bedeutung zugemessen und so hatte ich eine recht unbeschwerte Kindheit. Zwar baute ich meine eigenen kleinen Puppenhäuser und interessierte mich für Pflanzen, wollte aber im Grunde so sein wie die Jungs. Wie meine älteren Brüder. Und darum nannte ich mich Anton und spielte mit ihnen all die Jungsspiele. Anerkennung von meiner Mutter bekam ich nur dann, wenn ich mich erwachsen verhielt und sie mir Lehrstunden geben konnte, in denen sie darüber sprach, warum manche Entscheidungen für das Land besser sind als andere.

In der Politik haben mich immer die moralischen Grundlagen interessiert, nie die Personalpolitik. Wer was behauptet, das war mir schnuppe.  Spannend fand ich die ethischen Grundsätze, die hinter den Überlegungen stehen. Geht man zum Beispiel davon aus, dass der Mensch an sich gut und sozial ist oder egoistisch und eigennützig? Sobald man sich für die eine oder die andere Annahme entscheidet, hat das etliche Konsequenzen: Welches Handeln ist natürlich und ab wann wird die Befriedigung der eigenen Bedürfnisse zur strafbaren Handlung? Kann es Freiheit der einen auf Kosten der anderen geben? Wann ist Demokratie gut für das Volk und wo stößt sie an ihre Grenzen?

Durchgesetzt hat sich in den Industrienationen die kapitalistische Denkweise, die den Eigennutz belohnt und sehr lange haben alle Wirtschaftsmodelle funktioniert, die auf Eigeninteresse und einen ständig expandierenden Markt aufbauen. Unweigerlich ein System, das irgendwann kollabieren muss. Ähnlich einem wuchernden Krebsgeschwür, das irgendwann unerwartet zu Tage tritt. Und Sie erleben das grade. Sie erleben – so wie ich damals – eine ganz besondere Zeit des Umbruchs. Sie liegt in der Luft, die nächste soziale Revolution.

Die Ausrede „Davon habe ich nichts gewusst“ hat im dritten Reich bei den Nürnberger Prozessen nicht funktioniert, ich selbst habe nicht mal versucht, mich derer zu bedienen und auch bei Ihnen ist es das Gleiche.

Die Ressourcen also Bodenschätze dieser Welt sind begrenzt und können nicht unendlich ausgeschöpft werden. Das weiß jeder. Auch gibt es das Problem der Überbevölkerung. Also immer mehr Menschen, die auf die gleichen Ressourcen angewiesen sind. Immer mehr Münder, die gestopft werden müssen. Länder, in denen die Bevölkerung Hunger leidet und andere Länder, die im Luxus schwelgen und täglich tonnenweise Nahrungsmittel wegschmeißen. Ich weiß das. Sie wissen das. Jeder weiß das. Und wenn das eines Tages dazu führt, dass rebelliert wird und Köpfe rollen, kann keiner sagen, er habe davon nichts gewusst, oder?

Weltweit sterben ungefähr 35 Mio Menschen den Hungertod. Das ist etwa das zehnfache von dem, was es im letzten Jahr an Coronatoten gab. Und jetzt vergleichen Sie mal den Aufwand, der in der einen und in der anderen Hinsicht betrieben wurde, um dem Problem Herr zu werden.

Bitte nehmen Sie das nicht persönlich. Entschuldigen Sie die harten Worte hier in dieser hübschen Umgebung. Das war vermutlich unangemessen. Manchmal gehen die Gefühle mit mir durch. Verzeihen Sie das bitte. Möchten Sie ein Stück Kuchen? Geben wir uns doch ein wenig der Zerstreuung hin. Manon, könntest du bitte… und Charlotte. Bereite bitte alles für die Kaffeetafel vor.

Manon spielt: Mozart – Rondo Alla Turca

Meinen ersten Heiratsantrag bekam ich von dem Knaben aus Salzburg. Ich war sieben. Er selbst nochmals ein Jahr jünger, also sechs. Wir hatten das Wunderkind nach Schönbrunn eingeladen. Wolfgang Amadeus spielte Violine und Klavier, darunter erste selbst komponierte Stücke. Vor allem aber war er ein frecher Wirbelwind. Wir tobten durch die Gänge, spielten Fangen und bei einer dieser Gelegenheiten verkündete er völlig außer Atem, er werde mich eines Tages heiraten. Gut, das war mehr eine Feststellung als ein Antrag. Aber trotzdem…

Gerne hätte ich ihn wiedergesehen als er Jahre später nach Paris kam. Doch da wurde ich schon so von der Welt abgeschottet, dass ich nicht mal mitbekam, dass er an den Hof von Versailles gekommen war und nicht vorgelassen wurde. Nach Paris kamen damals viele Künstler. Denn wer in Paris reüssierte, der wurde schnell zum Weltstar. Für Mozart aber war Paris eines der dunkelsten Kapitel seiner Laufbahn. Die Franzosen kanzelten ihn ab.

Wahrscheinlich inspirierte ihn genau diese Abfuhr in Versailles später die systemkritische Oper „Die Hochzeit des Figaro“ zu verfassen, in der starke Missbilligung des Gebarens der adligen Gesellschaft zum Ausdruck gebracht wurde und Personen des dritten Standes als Hauptfiguren agierten, was seinerzeit als skandalös angesehen wurde.

Mozart war wirklich ein Querdenker. Eine Liaison mit Mozart. Das wäre etwas gewesen. Nicht standgerecht und in jeder Hinsicht … das Gesicht meiner Mutter hätte ich sehen wollen. Lacht, reißt sich dann nochmals kurz zusammen „Mama, ich habe mich entschlossen einen Musiker zu heiraten.“ lacht Nein, völlig undenkbar. Meine Hochzeit wurde mit politischem Kalkül festgelegt und es traf mich, das fünfzehnte Kind der Kaiserin nur deshalb, weil all meine älteren Schwestern schon anders verplant waren.

An so einer politischen Hochzeit lässt sich nicht viel schönreden. Romantisch ist da nichts. Da haben Sie es schon besser. Wie haben Sie ihre Partner gefunden? Über Tinder oder andere Internetanbieter? Überall steht geschrieben, alle 11 Sekunden verliebt sich in Deutschland jemand über…

Kennen Sie sich aus mit Dating Portalen? Eine spannende Sache, finde ich. Dort werden potentielle Paarungskandidaten genau beschrieben. Ihre Hobbies, Leidenschaften und am Rand ein paar flotte Sprüche, damit man sieht, dass der potentielle Paaarungspartner auch Humor hat. Und daneben das obligatorische Foto. Zu meiner Zeit lief das bereits ähnlich ab. Ich bekam einen Brief, in welchem mir die charakterlichen Vorzüge von Ludwig August genau geschildert wurden und daneben ein Portrait und eine Miniatur – beide angefertigt von namhaften französischen Künstlern. Jeder in der Familie las die Briefe, begutachtete die Portraits und dann wurde die Hochzeit beschlossen. Es kam zu einer Ferntrauung, ein absolut übliches Verfahren zwischen weit entfernten Königshäusern. In der Zeremonie übernahm mein Bruder stellvertretend die Stelle des Bräutigams. Wer in Frankreich die Braut spielte, weiß ich gar nicht mehr. Auf jeden Fall machte man das so damals. So konnte sich die Angetraute mit kirchlichem Segen auf den Weg machen und traf gleich mit neuem Rang am ausländischen Hofe ein.

Und als ich schließlich in Paris ankam, war die Ernüchterung die gleiche wie heutzutage beim ersten Date mit der Internetbekanntschaft. Natürlich entsprach Ludwig August gar nicht der idealisierten Gestalt auf dem Portrait und der Miniatur, auf dem sein Kinn geschönt, die Haut geglättet und die Körperfülle erheblich gemindert worden war. Auch hatte er auf dem Portrait selbstsicher gewirkt und nicht ständig verklemmt zu Boden geschaut.

Ich war grad mal 14 Jahre alt und für alle Ewigkeit gebunden an einen fettleibigen und leicht autistischen Typen. Dass er darüber hinaus noch impotent war, hätte mich eigentlich erleichtern sollen. Aber das tut es nicht, wenn man für die Thronfolge Frankreichs zuständig ist und alle Welt eine baldige Schwangerschaft erwartet.

Trotzdem will ich jetzt nicht schlecht von meinem Gemahl reden. Er war stets fair zu mir und hat sich aufrecht bemüht. Was man über den Adel nicht grade sagen kann. Französische Etikette   …   Um es kurz zu machen: Die haben einen Knall, die Franzosen. Und ich rede jetzt nicht darüber, dass sie Froschschenkel essen, das Verbot des Gänsestopfens dadurch umgehen, dass sie diese überall sonst in der Welt strafrechtlich untersagte Tierquälerei zum unantastbaren nationalen Kulturerbe erklärt haben. Oder darüber, dass jede zweite Liebesbeziehung da irgendwie eine „Menage a trois“ ist.

Nein. Die Franzosen sind ein eigenes Volk. Wenn Du von woanders kommst, wirst du dort nie akzeptiert. Egal, was du tust. Egal, ob du gut aussiehst, sympathisch oder reich bis. Du kannst auch noch so gut französisch sprechen und dich den Gepflogenheiten anpassen.

Wenn ein Franzose einen Franzosen begrüßt, sieht das so aus: Enchanté! Bei einem Ausländer so: Enchanté!

Haben Sie den Unterschied bemerkt? Ich zeige es ihnen noch einmal: Enchanté! Enchanté!

Jetzt haben Sie es aber gesehen, oder? Genau derselbe freundliche Tonfall. Aber dieser halbe Zentimeter, den die Augenbraue bei der Begrüßung des Fremden verächtlich in die Höhe schießt. Eine Frechheit! Und ich bekam diesen halben Zentimeter jeden Tag immer und immer wieder aufs Neue zu spüren.

Wo ich ein wenig freier und ungebundener agieren konnte, das war auf den seinerzeit sehr beliebten Maskenbällen. Die waren völlig en vogue weil man weil man da inkognito neue Bekanntschaften machen konnte. Wenn ich nicht viel sagte, blieb auch ich weitgehend unerkannt. Außerdem konnte man tanzen, mit wem man wollte, ohne sich an irgendein höfisches Zeremoniell halten zu müssen.

Tanz von M.-A. und Charlotte

Manon

Let be must the queen (Guesch Patti)

A quand le méli mélo
Des parkings en dancings
Si, y’a du viol en métro
C’est bien Paris, qui, swingue

Avec ta bouche de vilain
De ministre en défroque
Si t’as les fesses en satin
Reste en costume d’époque
Conversations barbelées
Pas question de s’arrêter
Interdit – travesti
(2 fois)

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
T’as pas les yeux dans ta poche
C’est mal y’faut qu’on s’rapproch
Viens visiter ma télé… olé… enchantée !..

Pourtant le monde a zéro
Des buildings aux campings
Manger une part du gâteau
Lave ta bouche au pressing

A quand le cahot câlin
Qui met ta tête en loque
Comment te sentir malin
Si tu fonds dans ton froc
Conversations barbelées
Pas question de s’arrêter
Interdit – travesti
(2 fois)

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
Me j’ter sous des douches de pierre
Mon dieu, comme ça c’est calcaire
Viens visiter ma télé… olé… oh !

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
Pas vraiment célibataire
C’est question de caractère
Viens visiter ma télé… olé… enchantée !..
Conversations barbelées
Pas de question de s’arrêter
Interdit – travesti
Interdit – travesti
Interdit – travesti… enchantée !..

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
Des clowns en roi du trottoir
Des pitres en roi du comptoir
Viens visiter ma télé… olé…

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
Y’m un p’tit peu d’espoir
Suffit d’ranger ses mouchoirs
Viens visiter ma télé… olé… enchantée !..
J’suis bien la reine du trottoir
La reine du comptoir
Viens visiter ma télé… olé… enchantée !..

Let be, let be must the queen
Let be, let be must the queen
Avec mon p’tit air gavroche
J’suis bien la reine du baloche
Viens visiter ma télé… olé… enchantée !..

Charlotte, was macht die Patisserie? Ich habe meinen eigenen Wiener Konditor mit an den Hof gebracht. Was die Backkunst anging, waren die Pariser nämlich ziemliche Hinterwäldler. Gugelhupf, Buchteln, Sachertorte, Apfelstrudel: Da musste echte Pionierarbeit geleistet werden.

Jetzt natürlich sehen die Franzosen das ganz anders. Sie haben die Rezepte leicht angepasst, die Teigmengen verringert und nennen das Ergebnis stolz „Petit Fours“. Und selbst beim Gugelhupf behaupten sie ganz dreist, der „Kougelhopf“ oder „Kouglof“ – nicht mal in der Aussprache haben sie sich auf eine einheitliche Lügengeschichte einigen können – sei natürlich eine französische Erfindung und habe seinen Ursprung in dem elsässischen Städtchen Ribeauvillé, wo jetzt alljährlich am zweiten Sonntag im Juni die Fête du Kougelhopf stattfindet.

Vergessen wir´s. Sind wir nicht nachtragend und feiern wir heute unser eigenes kleines Gugelhupf-Fest.

Charlotte verteilt Gugelhupf. Manon singt.

Manon

Port Coton (Zaz)

Quoi que tu fasses
Je ne sais pas ce que ça remplace
Et derrière nous
C’est encore à l’ombre
Faut-il encore qu’on raconte
Que quelque chose nous revienne?
Faut-il qu’on soit seul sur terre
Ici aussi?

Boire pour la soif
Je ne sais pas ce qui de nous deux restera
Tu dis mais je ne regarde pas
Je n’ai jamais vu la mer
Mais j’en ai vu des noyés
Comment fais-tu pour oublier
Pour oublier?

Et la pluie qui revient
Dans nos voix
Pas une chanson où je ne pense à toi
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
À port coton qu’on se revoit
Qu’on se revoit

Et quoi que je fasse
Je ne sais pas ce que ça remplace
Et derrière nous
C’est encore à l’ombre
Aller auprès du phare
Et la vie est sans phare
À port coton qu’on se revoit
Dans ce monde inhabitable
Il vaut mieux danser sur les tables
À port coton qu’on se revoit
Qu’on se revoit

Marie-Antoinette

Kunst berührt mich und wo ich kann, fördere ich Musiker und Darsteller. Es hat mir immer Spaß gemacht, selbst auf der Bühne zu stehen und mal kurz in die Rolle einer Dienstmagd oder Schäferin zu schlüpfen. Aber – genau wie beim Harfespiel – und ich spielte wirklich ganz passabel – gilt meine Bewunderung denen, die mit wirklichem Talent gesegnet sind.

Zum Beispiel Christoph Willibald Gluck, von dem Sie zu Beginn unseres Kaffeekränzchens ein Musikstück hörten und der mein erster Musiklehrer war.  Mozart, der wilde Knabe, von dem Manon vorhin das Rondo Alla Turca intonierte.

Die völlig durchgeknallt Guesch Patti, zu deren Musik wir vorhin unseren kleinen Maskenball veranstaltet haben. Oder halt Zaz. Auch sie lebt noch und ich achte sie nicht nur, weil sie in der kolumbianischen Salzmienen Gratiskonzerte gab. Nein, sie setzt sich immer wieder aktiv ein für soziale Gerechtigkeit: Bei Colibri, einer Bewegung für die Erde und den Humanismus, die sich um ein neues Gesellschaftsmodell bemüht. All ihre Merchandising-Einnahmen kommen dieser basis-ökologischen Organisation zugute.

Jetzt denkt der eine oder andere von ihnen sicher: Was für eine Doppelmoral. Selbst ein liederliches Luder und gleichzeitig Bewunderin von Frauen, die sich für eine bessere Welt stark machen. Nun: Ich will jetzt nicht so tun, als hätte ich keine Laster. Nur nicht die, die man mir vorwirft. Natürlich habe ich eine Menge Fehler gemacht. Denn ich war naiv. Aber welches junge Mädchen, das im Alter von 14 Jahren verheiratet und zur Dauphine erklärt wird, um fortan in einem Schloss wie Versailles zu leben, könnte sich einen realistischen Blick auf das Leben behalten?

Nichtsdestotrotz war ich in meinen ersten Jahren am Hofe sicher diejenige, die dem Volk am nächsten stand. Ich war die einzige in der Familie, die sich weigerte durch die Felder der Bauern zu reiten aus Respekt vor deren Ernte. Wenn Menschen Hilfe brauchten, habe ich geholfen, ganz gleich welchem Stande sie angehörten. Und als ich mal einen Burschen in der Kutsche mitnahm, der sich verletzt hatte, machte mich das beim einfachen Volk so beliebt, dass meine Neider in die Offensive gingen und erste Intrigen gegen mich in Gang setzten.

Wie schmeckt Ihnen der Gugelhupf? Besser oder schlechter als eine Brioche? Besser oder schlechter als ein Macaron? Ich rede jetzt nicht vom Präsidenten, sondern von diesen bunten Doppelmakronen mit der klebrigen Creme-Masse dazwischen. Das war eine der wenigen Delikatessen im Patisseriebereich, die es tatsächlich vor meiner Ankunft schon in Frankreich gab. Zwar etwas härter weil zu durchgebacken, aber nicht minder dekorativ. Bei den Franzosen ging es damals mehr um schicke Äußerlichkeiten als um guten Geschmack, den man ihnen erst einmal beibringen mußte.

Wo war ich bei meiner Erzählung stehen geblieben? Ach ja, bei den intriganten Wichsern. Sie nutzten ein kleines Satirepamphlet mit dem sie die Bevölkerung stetig gegen mich aufstachelten. Eine Art Flugblatt, das gratis verteilt wurde, vermutlich finanziert vom Adel oder dem Klerus. Erst machte man sich lustig darüber, dass ich keine Kinder bekommen könnte. Dann als die Kinder endlich kamen, bezeichnete man mich der Unzucht. Vier Kinder brachte ich zur Welt und mehr als doppelt so viele Monsieurs wurden als mögliche Väter ins Spiel gebracht. Als meine Feinde merkten, dass nicht eine dieser Verleumdungen auf nahrhaften Boden fiel, wechselten sie das Feld: Sie bezichtigten mich der Trunkenheit – obwohl ich mein Leben absolute Abstinenzlerin gewesen bin – und dann nannten sie mich eine spielsüchtige Zockerin.

Letzteres war nicht ganz verkehrt. Ich spielte leidenschaftlich gerne Pharo, ein Kartenspiel, das sich einer großen Beliebtheit erfreute. Die Spielszenen in den Opern „Les Contes d’Hoffmann“ von Jacques Offenbach, „Pique Dame“ von Pjotr Iljitsch Tschaikowski und Giuseppe Verdis „La Traviata“ drehen sich um das Pharo Spiel.

Auch der Ausdruck „Paroli bieten“ stammt daher. Man spielt es mit bis zu fünf Personen und es ist eines der aufregendsten und intelligentesten Kartenspiele, die ich kenne. Wieso es irgendwann im 19 Jahrhundert in der Beliebtheit von Poker verdrängt wurde, erschließt sich mir nicht. Aber leider ist das ja oft so. Das Primitive setzt sich durch. Oder etwa nicht? Schnellbäckereien verdrängen etablierte Konditoren. Plastikprodukte ersetzen langlebige Qualitätsware. Auch im Servicebereich: Bestellen Sie im Restaurant lieber bei einem Kellner oder bei einem Tablet?

Ich meine: Auch bei Banken oder bei Reklamationen jedweder Art. Kennen Sie irgendjemanden, der im Bereich der Kommunikation das Gefühl hat, dass ihn eine automatisierte Bandansage besser berät als ein tatsächlicher Mensch? Da ist mir doch mehr geholfen, wenn ich an einen völlig ahnungslosen Legastheniker gerate, der wegen Unvermittelbarkeit auf dem Arbeitsmarkt angefangen hat bei einer Telefonhotline zu arbeiten als wenn ich eine halbe Stunde lang von Ansage zu Ansage geleitet werde, immer wartend auf den nächsten verfügbaren Mitarbeiter. Warteschleifen. Wer hat die eigentlich erfunden? Weiß es sonst noch jemand hier?

Die hat sich der New Yorker Fabrikant Alfred Levy 1966 patentieren lassen.  Laut Berechnung der Grünen-Bundestagsfraktion gaben die Deutschen 2011 rund 144 Millionen Euro für Warteschleifen bei kostenpflichtigen Servicenummern aus. Das weiß ich alles aus Wikipedia. Ich bin ein großer Fan von Wikipedia. Wenn es das zu meiner Zeit schon gegeben hätte… aber ich komme schon wieder vom Thema ab.

Womit meine Widersacher mich langsam ran bekommen haben, das war mit dem Vorwurf maßloser Verschwendung. Mit dem Luxus, in dem ich lebte. Da gab es auch kein Entrinnen. Als Repräsentationsfigur konnte ich mich dem nicht entziehen. Mit dieser neuerlichen Diffamierungskampagne gelang es ihnen. Sie brachten meine Welt ins Rutschen.

Viva la vida (Coldplay)

I used to rule the world
Seas would rise when I gave the word
Now in the morning I sleep alone
Sweep the streets I used to own

I used to roll the dice
Feel the fear in my enemy’s eyes
Listen as the crowd would sing
“Now the old king is dead! Long live the king!”

One minute I held the key
Next the walls were closed on me
And I discovered that my castles stand
Upon pillars of salt and pillars of sand

I hear Jerusalem bells a ringing
Roman Cavalry choirs are singing
Be my mirror, my sword and shield
My missionaries in a foreign field

For some reason I can’t explain
Once you go there was never
Never an honest word
And that was when I ruled the world

It was the wicked and wild wind
Blew down the doors to let me in
Shattered windows and the sound of drums
People couldn’t believe what I’d become

Revolutionaries wait
For my head on a silver plate
Just a puppet on a lonely string
Oh who would ever want to be king?

I hear Jerusalem bells a ringing
Roman Cavalry choirs are singing
Be my mirror, my sword and shield
My missionaries in a foreign field

For some reason I can’t explain
I know Saint Peter won’t call my name
Never an honest word
But that was when I ruled the world

I hear Jerusalem bells a ringing
Roman Cavalry choirs are singing
Be my mirror, my sword and shield
My missionaries in a foreign field

For some reason I can’t explain
I know Saint Peter won’t call my name
Never an honest word
But that was when I ruled the world

Wenn ich Geld verschwendet habe, so doch hauptsächlich für Kunst und Handwerkerleistungen. Diesen Menschen habe ich Arbeit gegeben und sie waren dankbar. Ich ließ Gärten anbauen, Möbel anfertigen und gab Kunstwerke in Auftrag. Alle anderen Verschwendungen, denen man mich bezichtigte waren Ausgaben, die am Hof von irgendjemandem in Auftrag gegeben und später mir zugeschoben wurden.

Wer sich die Mühe macht mal nachzuschauen, wird sofort sehen, dass ich selbst eher bescheiden war mit Aufträgen und das Loch im Haushalt ganz andere Ursachen hatte. Vor allem die finanzielle Unterstützung des amerikanischen Unabhängigkeitskrieges gegen England riss ein großes Loch in den Staatshaushalt. Hätten sie gekonnt, hätten sie sicher auch diese Ausgaben auf mein Konto verbucht.

In Frankreich kann selbst heute eine Frau ohne die Unterschrift ihres Mannes kein Konto eröffnen oder Grundstück kaufen. Wie hätte ich da vor mehr als 200 Jahren im Alleingang so viele verschwenderische Aufträge erteilen können?

Doch die Propagandamaschinerie lief und beim Volk fruchteten die Gerüchte. Sie nannten mich bald nicht mehr Marie-Antoinette, sondern verächtlich l’Autrichienne, „die Österreicherin“. Dabei handelte es sich um ein Wortspiel, da es im Französischen beinahe wie l’autre chienne („die andere Hündin“) ausgesprochen wird.

Ich verstand die Welt nicht mehr. Auch nicht, wie ein Lied mit einem so barbarischen Text wie die Marseillaise vielen die Tränen in die Augen trieb, weil sie das Lied als Ausdruck der Freiheit empfanden:

Allons enfants de la patrie…

Auf, auf Kinder des Vaterlands! Der Tag des Ruhmes, der ist da.

Gegen uns wurde der Tyrannei Blutiges Banner erhoben.

Hört ihr im Land das Brüllen der grausamen Krieger?

Sie kommen bis in eure Arme, Eure Söhne, Eure Gefährtinnen zu erwürgen!

Zu den Waffen, Bürger! Formt Eure Schlachtreihen, Marschieren wir, marschieren wir

bis unreines Blut unserer Äcker Furchen tränkt!

So viel Hass hat mich sprachlos gemacht. Und die falschen Anschuldigungen konnte ich nur lächelnd ignorieren. Vielleicht hat der eine oder andere von Ihnen die Serie „The Crown“ gesehen? Da ist das recht gut dargestellt. Eine Königin ist ein Repräsentationsobjekt, das sich nirgends einmischen darf und sobald sie es doch tut, kann sie nur verlieren.

Charlotte, lies uns doch bitte mal etwas vor. Mir wird so melancholisch zu Mute wenn ich an all das zurückdenke.

Wie wäre es, wenn du etwas aus einem Kinderbuch vorliest? Ich liebe Kinderbücher. Die gehen ans Herz und oft stecken in denen mehr Weisheit als in den Romanen und Dokumentationen für Erwachsene. Das, was du letzte Woche angefangen hast, das hat mir gut gefallen. Erich Kästner: Pünktchen und Anton. Lies einfach weiter, da wo du letztes Mal aufgehört hast.

Charlotte

Anton steht auf der anderen Seite der Brücke. Er hält einen kleinen Koffer vor sich. In dem Koffer sind braune und schwarze Schnürsenkel. Anton ruft: „Wer möchte Schnürsenkel kaufen?“ Anton ist kein guter Verkäufer. Er ist kein guter Schauspieler und kann nicht gut jammern. Er braucht das Geld aber sehr. Anton braucht bis übermorgen 5 Mark.

Das Geld ist für die Miete. Er muss auch Butter und Wurst einkaufen.

Ein Mann geht an Anton vorbei und sagt: „Du gehörst nachts ins Bett!“ Anton schaut ihn mit großen Augen an. Er antwortet leise: „Das Arbeiten macht mir aber Spaß.“ Der Mann schämt sich für seinen Spruch. Er sagt: „Sei mir nicht böse.“ Der Mann gibt ihm eine Münze. Es sind sogar 50 Pfennig. Anton gibt dem Mann zwei Schnürsenkel. Er sagt: „Ich danke Ihnen sehr!“. Der Mann antwortet: „Für meine Schuhe brauche ich keine Schnürsenkel. Das Geld ist für dich.“ Aber ich erzähle Euch mal eine Geschichte von früher. Es gab zu der Zeit sehr reiche Könige. Das Volk war aber sehr arm. In einem Schloss wohnen König und Königin. Das arme Volk steht eines Tages vor dem Schloss. Sie rufen: „Wir haben kein Brot! Wir haben kein Brot!“ So arm ist das Volk. Die Königin steht am Fenster. Sie fragt einen Wachmann: „Was wollen die Leute?“ Der Wachmann antwortet: „Sie wollen Brot. Sie haben zu wenig Brot. Sie haben zu großen Hunger.“ Die Königin wundert sich. Sie sagt: „Dann sollen sie doch Kuchen …

Marie-Antoinette

Das kann doch nicht wahr sein!

Charlotte

Soll ich das Buch weglegen?

Marie-Antoinette

Ja, auf den Stapel – du weißt schon. Zu Alexandre Dumas „Das Halsband der Königin“ und Goethes „Groß-Cophta“.

Charlotte

Soll ich ein anderes Buch holen? Etwas Unverfängliches?

Marie-Antoinette

Wieso Unverfängliches? Jetzt tu nicht so, als wäre ich nicht tolerant.

Charlotte

Ich meine ja nur, Madame.

Marie-Antoinette

Was soll das jetzt heißen?

Charlotte

Nichts. Nichts.

Marie-Antoinette

Nein, sag schon.

Jetzt schweigt sie schon wieder. Manon?

Manon

Ich spiele hier nur Klavier

Marie-Antoinette

Und?

Manon

….und singe ein wenig.

Marie-Antoinette

Stimmt doch gar nicht. Du kannst auch ganz frei Deine Meinung sagen, so wie alle am Hof.  Du bist ein total geschätztes Mitglied unseres Haushaltes.

Manon

Der aber unter absolutistischer Herrschaft steht.

Marie-Antoinette

Höre sich mal einer diesen Unsinn an! Als würde ich immer alles allein bestimmen. Lächerlich! Ich mach das nur, wenn kein anderer die Initiative übernimmt.  Einer muss im Haushalt ja bestimmen. Ist aber die Person, die festlegt, um wieviel Uhr gefrühstückt wird, immer gleich eine Diktatorin?

Manon und Charlotte schauen sich an und nicken.

Ich bin nichts anderes als deine Freundin, deine Mäzenin. Ich schätze dich so, wie du bist und Du bist eine freie Künstlerin.

Manon

Killer Queen (Queen)

Charlotte verteilt Petit Fours

She keeps her Moet et Chandon

In her pretty cabinet

“Let them eat cake”, she says

Just like Marie Antoinette

A built-in remedy

For Khrushchev and Kennedy

At anytime an invitation

You can’t decline

Caviar and cigarettes

Well versed in etiquette

Extraordinarily nice

She’s a Killer Queen

Gunpowder, gelatine

Dynamite with a laser beam

Guaranteed to blow your mind

Anytime

Recommended at the price

Insatiable an appetite

Wanna try?

To avoid complications

She never kept the same address

In conversation

She spoke just like a baroness

Met a man from China

Went down to Geisha Minah

Then again incidentally

If you’re that way inclined

Perfume came naturally from Paris (naturally)

For cars she couldn’t care less

Fastidious and precise

She’s a Killer Queen

Gunpowder, gelatine

Dynamite with a laser beam

Guaranteed to blow your mind

Anytime

über Instrumentalmusik:

Marie-Antoinette

Ich war ein Fashion-Victim. Der Hof, ganz Frankreich schaute auf das, was ich am Leib trug und noch mehr auf das, was ich nicht trug. Darum meist mehrere Schichten.

Es war eine Ehre, mich anzukleiden und diese Ehre gebührte immer der am Hofe höchstgestellten Person, die sich grad zusammen mit mir im Zimmer befand. Und die meisten Damen der feinen Gesellschaft hatten zwar Spaß daran, mich wie ein Püppchen anzukleiden. Gute Garderobieren waren sie aber nicht. Dadurch dauerte das ganze Prozedere Ewigkeiten.

Dann noch das Schminken und Pudern: Ganz entsetzlich. Die trugen kein sanftes Rouge auf. Nein, zu der Zeit war es in Frankreich üblich, sich rote Punkte auf die Wangen zu malen, so dass man am Ende wie ein Clown aussah. Zu Recht machte sich die restliche Welt über diese Mode-Unart lustig.

Und zuletzt der Kopfschmuck. Ich persönlich habe mir gar nichts aus Frisuren und Perücken gemacht. Und wenn ich mir Sie so anschaue, kann ich nur sagen: Sie können sich alle so glücklich schätzen, dass sich die Nouvelle Vogue vom Ende des 18 Jahrhunderts nicht durchgesetzt hat. Jeden Tag eine knappe Stunde vor dem Spiegel zusammen mit zwei Friseurinnen, die nichts Andres im Kopf hatten, als den Tratsch am Hof und verrückte Kreationen aus Haar, Kunsthaar, Schmuck, Bändern und Federn.  Was hätte ich darum gegeben, einfach so ein simples Pony tragen zu dürfen wie Sie da!

Ruhe hatte ich eigentlich nur bei meinen Spaziergängen in den Parks und Gärten, die ich geliebt habe. Besonders diejenigen mit Wasserspielen. Louis kannte meine Leidenschaft für Wasser und hat deshalb in Versailles überall Springbrunnen installieren lassen. Das war damals total hipp, quasi der neuste Schrei. Und das „Bassin du dragon“ mit seiner 27 Meter hohen Fontaine war eine viel gerühmte Attraktion als höchster Springbrunnen der Welt. Auch eine kleine aber wirkungsvolle Machtdemonstration gegenüber dem jämmerlichen Friedrich II, der mit seinen preußischen Soldaten zwar Kriege gewinnen konnte, aber trotz etlicher Bemühungen nicht fähig war, in Sanssouci auch nur einen einzigen vernünftigen Springbrunnen anlegen zu können.

Killer Queen (Fortsetzung)

Drop of a hat she’s as willing as

Playful as a pussy cat

Then momentarily out of action

Temporarily out of gas

To absolutely drive you wild, wild

She’s all out to get you

She’s a Killer Queen

Gunpowder, gelatine

Dynamite with a laser beam

Guaranteed to blow your mind

Anytime

Recommended at the price

Insatiable an appetite

Wanna try?

You wanna try

Marie-Antoinette

Ja, ich habe im Luxus geschwelgt. Und trotzdem hätte ich mit jedem von Ihnen ohne zu Zögern getauscht. Heute lebt in hier jeder im Luxus: Niemand friert im Winter, alle haben eine „Toilette Anglaise“ – also Klos mit fließendem Wasser, beziehen Köstlichkeiten von anderen Kontinenten, können sich von überall alles liefern lassen und leben wie Gott in Frankreich.

Führen Sie sich das bitte vor Augen: Sie führen letztlich ein königlicheres und angenehmeres Leben als der gesamte Versailler Hof. Auch können Sie in jedem Land der Welt Ferien machen und kommen da sogar schnell und zu erschwinglichen Preisen hin. Sie leben in einer globalisierten Welt, die durch Handel und Tourismus engmaschig miteinander verwoben ist. Der Alltag eines jeden von Ihnen ist selbst aus völlig objektiver Sicht schöner als es der meine ja war.

Und wenn ich mir die Gesellschaft so ansehe, finde ich eines total spannend: trotz des Luxus bemerkt man speziell bei der jüngeren Generation, die antiautoritär erzogen und mit dem goldenen Löffel im Mund aufgewachsen ist, eine aufkeimende Unzufriedenheit. Viele scheren aus, aus dem Leben im Elfenbeinturm und erkennen die drohende Gefahr. Immer wieder ist die Rede von Krisen und dem nahenden Ende der Welt.

Stecken wir in einer Krise? Und wenn ja, wer ist betroffen durch diese Krise? Wirtschaftswissenschaftler, Soziologen und Psychologen haben ein jeweils ganz unterschiedliches Verständnis von Krisen. Einig sind sie sich allein darüber, dass wenn man zu lange unachtsam mit der Zukunft umgeht, diese irgendwann zurückschlägt. Jedem vernünftigen Menschen ist klar, dass ähnlich dem Kettenbrief, der jedem Empfänger unendlichen Geldsegen verspricht, auch ein Wirtschaftswachstumssystem nicht unendlich funktionieren kann. Nichtsdestotrotz haben wir es hier mit einem so komplexen System zu tun, das mit so vielen Faktoren interagiert, dass der Einzelne es kaum erfassen kann. Hinzu kommt die permanente Beschleunigung und zwar in jeder Hinsicht: Die technologische Beschleunigung und ein immer rasanter werdendes Tempo bei Entscheidungs- und Kontrollprozessen. Jeder Einzelne von uns muss immer schneller denken, auch die Sehgewohnheiten ändern sich. In den Medien verfolgen wir immer schnellere Bildabfolgen und wir gewöhnen uns an eine Schnelllebigkeit, die wir nicht verstehen. Und das betrifft leider nicht nur die Ungebildeten, sondern genauso die Intellektuellen und die Entscheidungsträger.

Diese tragen die Verantwortung und wollen nichts falsch machen, warum sie in Krisenzeiten Experten hinzuziehen müssen. Diese Experten haben dann in der Tat mehr Fachwissen, können letztlich aber auch nur Hypothesen aufstellen und empfehlen dann nicht unbedingt die richtigen, sondern die vorsichtigsten Problembewältigungen. Eben weil auch sie nicht zur Verantwortung gezogen werden wollen. Und das ist beispielsweise der Grund, warum Sie in den letzten Jahren zur gefügigen Teigmasse ziemlich planloser Konditoren wurden.

Charlotte, was machst du da eigentlich?

Charlotte

Henkersmahlzeit.

Kurze Pause

Marie-Antoinette

irritiert Was?

Charlotte

Eine Torte. Briocheboden, Frucht-Creme und Marzipandecke. Das wird sehr schön werden. Ich nutze Marzipan, weil es besonders dekorativ und gut zu verarbeiten ist. Man kann damit – wenn Temperatur und Konsistenz stimmen – sehr einfach Blüten formen und jede erdenkliche Art von Verzierungen. Auch lässt es sich beliebig einfärben. Darum ist es auch so beliebt bei der Zubereitung von Hochzeitstorten, bei denen in der Regel vor allem auf die Optik geschaut wird. Darum lasse ich mir im Normalfall bei Hochzeiten immer nur ein winziges Stückchen geben, damit ich nicht zu viel von der geschmacklosen klebrigen Masse in mich hineinstopfen muss. Auf jeden Fall ist es wichtig, die Grundmasse des Marzipans selbst herzustellen. Dazu benutzt man am besten Mandeln, die man selbst häutet, denn die haben den feinsten Eigengeschmack erhalten. Zum Häuten die Mandeln mit Wasser überbrühen und ziehen lassen. Wenn die Haut sich danach nicht leicht löst, den Vorhang nochmals wiederholen und nicht aus der Ruhe bringen lassen

Marie-Antoinette

Wenn es um kulinarischer Themen geht, wird Charlotte manchmal richtiggehend gesprächig. Fertig Charlotte, oder hast Du dem noch etwas hinzuzufügen?

Charlotte

Die Mandeln dann mit dem Messerkreuz mahlen bzw. ganz fein hacken. Evtl. zwischendurch die Mandelmasse etwas auflockern und dann weiter hacken.

Marie-Antoinette

In was für einer Welt leben wir hier eigentlich und in was für einer Welt wollen wir leben? Damals habe ich schon überlegt, ob man unseren Kindern so eine Zukunft zumuten kann.

Manche von Ihnen sind knapp doppelt so alt wie ich es zum Zeitpunkt meiner Hinrichtung war. Wird man mit dem Alter wirklich weiser? Ich frage mich das häufig. Ob ich in betagterem Alter feinfühliger gewesen wäre. Ob ich da weniger auf die Berater und Politiker wie den Gesandten Mercy gegeben hätte und mehr auf die Sorgen und Hoffnungen der jungen Generation gegeben hätte?

Charlotte

Mandeln und Puderzucker muss man im Verhältnis 10:9 zu einem Teig verrühren und mit den Händen alles verkneten. Mit den Händen, das ist wichtig.

Marie-Antoinette

Ich werde jetzt nicht detailliert die weiteren Ereignisse schildern. Den Sturm auf die Bastille, bei dem es nicht um die dort inhaftierten Verbrecher ging, sondern allein um die Beschaffung der dort gebunkerten Waffen.

Charlotte

Dann den Marzipanteig ausrollen.

Marie-Antoinette

Es gibt ja einige Verfilmungen meines Lebens. Wenn Sie mich fragen: Eine langweiliger als die andere. Zwar zeigen sie den Zwiespalt, in dem ich mich am Ende meines Lebens befand: Sollte ich zu meiner Familie halten und dem Tod entgegensehen oder das Land verraten und fliehen? Auch zeigen sie die Zeit meiner Gefangenschaft. Aber kein Film zeigt die Hinrichtung, also den Grund, warum die Zuschauer überhaupt ins Kino gekommen sind.

Charlotte

Wenn man dann um die Verzierungen kümmert, ist es wichtig ist es ein scharfes Messer zu haben. Die besten gibt es in Deutschland.

Manon

Auch die erste „Guillotine“ wurde einem Deutschen konstruiert, von dem Klavierbauer Tobias Schmidt.

Charlotte

Besonders gerne benutze ich zum Arbeiten die Windmühlenmesser aus Solingen. Die schneiden mühelos durch Teigwaren, Obst und Fleisch.

Marie-Antoinette

Schon bei den ersten Modellen der Guillotine gab es die Bascule, ein Brett, auf das der Hinzurichtende bäuchlings festgeschnallt wurde.  Der Kopf kam zwischen die Pfosten der Guillotine auf die Halsauflage und wurde dann mit dem nach unten verschiebbaren Gegenstück fixiert.

Charlotte

Monon, bitte lege Dir Handschuhe an und unterstütz mich bei den letzten Vorbereitungen.

Marie-Antoinette

Den Konstrukteuren war klar, dass man den Verurteilten die Angst vor dem Sterben nicht nehmen könne, wohl aber die Qualen der Hinrichtung selbst begrenzen. Die Folter und besonders grausame Hinrichtungsmethoden wie das Rädern sollten mit der Guillotine abgeschafft werden. Der Tod sollte kurz, schmerzlos und gnadenvoll sein.

Charlotte

Beim Schneiden nie zögerlich sein, sondern glatt und schnell arbeiten.

Marie-Antoinette

Tatsächlich konnte bisweilen der Kopf erst nach mehreren Durchgängen vollständig abgetrennt werden – so auch bei der Hinrichtung Ludwigs XVI., angeblich aufgrund seines dicken Nackens.

Charlotte

Als kleines Extra noch einen Tupf Sahne.

Marie-Antoinette

Zudem sollte aber der Gleichheitsanspruch der Revolution auch bei der Hinrichtung gelten: Vorher war das Enthaupten den Adeligen als „edle“ Todesart vorbehalten, einfache Leute wurden am Galgen gehängt. Mit der Guillotine wurden alle Hinrichtungen vereinheitlicht.

Charlotte

… und eine Coulis de Framboise, der sich mit seiner blutroten Farbe gut auf dem Teller macht.

Marie-Antoinette

Meiner Kammerzofe haben sie den Kopf abgeschlagen und auf einen Stock gespießt. Dann haben sie den Körper ausgeweidet und einzelne Organe ebenfalls aufgespießt. Das alles, um mit den Trophäen in freudiger Erwartung meiner Hinrichtung vor meinem Gefängnisfenster entlang zu flanieren. Dabei hatte meine Kammerzofe ihnen nichts getan. Ihr einziger Fehler war es gewesen, meine Dienerin zu sein.

Charlotte

Eine gute Coulis muss sämig sein.

Marie-Antoinette

Ich war 38 Jahre alt. Mein Haar war ergraut in den Jahren der Gefangenschaft. Um mich nochmals zu demütigen, wurde mir das Haupt kahlgeschoren und meine Hände gefesselt, als könne oder wollte ich Fluchtversuche unternehmen.

Charlotte

Man muss die Himbeeren passieren, so dass keine Kerne übrigbleiben.

Marie-Antoinette

Auf den geistigen Beistand eines Priesters hatte ich verzichtet. So fiel am 16. Oktober um Viertel nach zwölf mein Kopf. Mit einem einzigen sauberen Schnitt und bejubelt von der erhitzten Menge.

Charlotte

Das Mark mit Puderzucker nach Geschmack süßen, kurz anköcheln und mit einem Spritzer Zitronensaft auffrischen.

Marie-Antoinette

Famous last Words: Meine letzten Worte am 16. Oktober 1793 waren: „Verzeihen sie bitte“! Das war kein Bitten um Vergebung. Auch kein Ausdruck von Reue wegen meines Lebensstils. Sie waren an meinen Henker gerichtet, dem ich vor Aufregung und wegen meiner gefesselten Hände versehentlich auf den Fuß getreten war.

Seitdem wurden in Frankreich Todesurteile immer durch die Guillotine vollstreckt. Weiß jemand von Ihnen, wann die Guillotine wieder abgeschafft wurde? Irgendwer?

Den letzten Einsatz erlebte die Guillotine 1977. Noch drei weitere Jahre vergingen bis Präsident Mitterand 1980 die Todesstrafe in Frankreich endgültig abschaffte.

Charlotte und Marie-Antoinette heben zweitgleich zwei Hauben/Tortendeckel hoch.

Unter der einen Haube eine Torte mit Guillotineverzierung

Unter der anderen Haube ein Puppenkopf der Marie-Antoinette

Marie-Antoinette

Als ich verscharrt wurde, lag mein Kopf neben dem Rumpf und als die Totengräber eine Verschnaufpause machten, schnappte sich Madame Tussaud meinen unbeaufsichtigten Kopf, um einen Abdruck für ihr Wachsfigurenkabinett zu machen.

Marsaillaise

Monon, Charlotte, Marie-Antoinette & Puppenkopf

Allons enfants de la Patrie,

Le jour de gloire est arrivé!

Contre nous de la tyrannie,

 L’étendard sanglant est levé. (2x)

Entendez-vous dans les campagnes

Mugir ces féroces soldats?

Ils viennent jusque dans vos bras

Égorger vos fils, vos compagnes.

Aux armes, citoyens,

Formez vos bataillons,

Marchons, marchons!

Qu’un sang impur

Abreuve nos sillons!

Que veut cette horde d’esclaves,

De traîtres, de rois conjurés?

Pour qui ces ignobles entraves,

Ces fers dès longtemps préparés? (2x)

Français, pour nous, ah! quel outrage

Quels transports il doit exciter!

C’est nous qu’on ose méditer

De rendre à l’antique esclavage!

Aux armes, citoyens,

Formez vos bataillons,

Marchons, marchons!

Qu’un sang impur Abreuve nos sillons!

(Entstanden im Rahmen des Corona Neustart-Stipendiums für Künstler)

3 Kommentare

  • lautsprechermg

    “Es gibt ja einige Verfilmungen meines Lebens. Wenn Sie mich fragen: Eine langweiliger als die andere (…) Aber kein Film zeigt die Hinrichtung, also den Grund, warum die Zuschauer überhaupt ins Kino gekommen sind.” :)))

  • lautsprechermg

    Lieber Sascha, nicht ganz unerwartet ein sehr frommer Text von Deiner Seite, vor allem wenn plötzlich Coldplays “viva la vida” erklingt. Starke Nebenrolle für mich ganz klar: Manon mit dem immer verwendbaren Mega-Satz “Ich spiele hier nur Klavier.”

    Hab’s sehr gerne gelesen. Mir die Kostüme zu den Knicksen vorgestellt! Schöne Geschichte, die hoffentlich Bühnenlicht sieht.

    Kritische Kommentierung? Nö, nix. Vielleicht etwas zu viele Themen reingestopft? Doch das möchte ich zu Hofe von Marie-Antoinette nicht so plump sagen…

    Danke für’s Einstellen!

  • Sascha

    Das freut mich. Werde ihn dann 2022 im Laufe der Theaterarbeit auch sicher noch etwas feinschleifen…

Schreibe einen Kommentar zu lautsprechermg Antworten abbrechen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.