Die Frau mit den 1000 Gesichtern

Manchmal begegnet sie mir. Ganz flüchtig im Vorbeigehen. Wenn ich mich nach ihr umdrehe, um mich zu vergewissern, dass es wirklich sie war, ist sie verschwunden. Oder im Spiegel: Wenn ich übermüdet hineinschaue. Da nehme ich sie flüchtig wahr und beim nächsten wachen Augenzwinkern ist sie wieder weg.

Ich fürchte mich vor ihr, denn sie ist gemein und hat einen makabren Humor, den ich nicht teilen kann.

Sie spielt ganz eindeutig mit meinen Gefühlen. Vermutlich hält sie mich für einen Loser. Aber leider nicht für uninteressant genug, um mich zu ignorieren.

Ich hasse kaum etwas so sehr, wie belächelt zu werden. Das war schon als Kind so, lange bevor mir die Frau zum ersten Mal begegnet ist. Wenn ich mal geschubst oder beleidigt wurde, konnte ich das wegstecken. Nicht aber, wenn man über mich lachte. Das tat immer weh.

Nichts in Bezug auf die Frau mit den 1000 Gesichtern ist eindeutig. Nichts ist klar. Ich sehe und höre ihr Lachen nicht. Aber ich spüre das Zucken um ihre Mundwinkel. Für diesen flüchtigen Moment. So als wollte sie sagen: `Nimm dich nicht so wichtig. Egal, was du heute tust, ich werde immer eine Überraschung für Dich parat haben.´

Meine Familie kennt mich als organisierten Menschen. Vielleicht bin ich dazu geworden, weil die Umstände es mir abverlangen. Ohne Struktur würde ich meinen Alltag nicht gebacken bekommen. Andererseits bewirken gerade meine vielen Pläne, dass ich selbst gesteckte Ziele nicht erfülle. Natürlich ist das nicht motivierend.

Ich gehe in die Küche, verschnaufe kurz, halte mich an der Türklinke fest. Wenn es mir schlecht geht, weiß ich nie, ob das von Dauer sein wird und wenn es dann irgendwann weg ist, ob es bald wiederkommt. Vor allem nicht, ob ich mich später einmal dauerhaft so fühlen werde wie jetzt in einer schlechten Phase.

Um mir den Tag nicht zu vermiesen, mache ich mir einen Rotweinkuchen. Ein einfacher Rührkuchen: 250g Butter, 250g Zucker, 4 Eier, 1 Teelöffel Kakao, 1 Teelöffel Zimt, 250g Mehl, 1 Packung Backpulver, 100g Schokostreusel und 1/8 Liter Rotwein. Das reicht für eine Kastenform. Aber ich bevorzuge den Teig in 12 Miniformen in Muffingröße zu füllen. Die Miniformen haben den Vorteil, dass der Kuchen in der Hälfte der Backzeit. So sind die Küchlein nach 22 Minuten bei 160° fertig.

Während der erste Kuchenduft durch die Wohnung strömt, lege ich ein wenig Wäsche zusammen. Corona hat mich dick gemacht. Ich koche jetzt mehr und ich esse mehr. Essen ist eines der wenigen Vergnügen, die geblieben sind.

Abnehmen werde ich erst nach Corona. Darum entscheide ich mich dafür, die Küchlein auch noch mit einer fetten Schokoglasur zu bestreichen. Die einfache Variante vom Discounter erfüllt vollends diesen Zweck.

Elf Formen stelle ich auf den Wohnzimmertisch. Die Elfte stelle ich auf einen kleinen Untersetzer und positioniere sie am Fensterbrett. Früher habe ich mal genau den gleichen Platz gewählt, um dort den Milchzahn meiner Tochter für die Zahnfee zu deponieren. Vielleicht ist die Frau mit den 1000 Gesichtern ja sowas wie eine Zahnfee. Das schwarze Schaf in der Familie der Feen. Die Fee, die man aufgrund ihres sadistischen Charakters verstoßen hat? Schon wieder spüre ich ihre Nähe. Um sie milde zu stimmen, schütte ich noch ein paar dekorative Streusel auf die noch warme Schokoglasur.

SVD

Ein Kommentar

  • lautsprechermg

    Ein einfühlsamer Text, finde ich! Vor allem das “Zucken um die Mundwinkel” dieser speziellen Fee… davon habe ich sofort eine sehr anschauliche Vorstellung. Sehr schön dargestellt auch der verzweifelte Versuch Struktur ins eigene Leben und den Alltag zu bekommen. Ungewollt in der Überstrukturierung zu landen. All das, um der makabren Fee etwas entgegenzusetzen. Sich nicht ununterbrochen von den 1.000 Gesichtern aus der Bahn werden zu lassen. Nicht aufzugeben.

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