Ach, wenn sie doch nur wüsste…

eine Kurzgeschichte von Farouk Martini

Sie lächelt und stellt das kleine Tablett mit dem Schälchen voll mit Linsensuppe vor ihn auf den Tisch. Dazu ein paar Scheiben Brot und ein wenig Olivenöl. Bezaubernd, denkt er. Wie bezaubernd, das kleine Gedeck mit dem herrlich duftenden Brot und der wärmenden Suppe. Wie bezaubernd, ihr Lächeln.

Er beobachtet sie schon lange. Seit er dort sitzt folgen seine Blicke jeder noch so kleinen Bewegung, die sie macht. Er möchte Blicke von ihr einfangen, doch sie sind zu flüchtig, immer auf der Suche nach einer neuen Bestellung, einer Geste an einem der vielen Tische, die ihr zeigen werden, hierher, bringen sie mir noch etwas!

Dann kommt der Tag. Sein Tag, allen Mut hat er zusammen genommen. Lange überlegt, immer wieder, wie würde es sein, was würde sie sagen, würde sie einfach gehen, ihm nie wieder etwas bringen? Wieder etwas trinken in diesem Café würde er dann sowieso nicht. Keinen Fuß würde er wieder hier hereinsetzen, wenn sie ihn abweisen würde, nein, ganz sicher nicht.

Aber nein. Er durfte nicht weiterdenken. Diesmal nicht, das hatte er sich geschworen. Keine Ausreden, keine Ausflüchte, nichts wollte er gelten lassen, das ihn wieder einmal davon abhalten würde, es zu tun. Wie viele Male hatte er hier schon so gesessen, wie viele Male sich wieder davor gedrückt?

Und es schien doch so einfach! Einfach nur raus damit. Das Schicksal würde schon den Rest machen. Was hatte er zu verlieren? Ehre? Stolz? Einen Ruf? Alles Quatsch, dachte er. Brauch ich alles nicht. Im Leben geht es doch um mehr! Um Ehrlichkeit, um Vertrauen und um…

Dann war der Moment. Sie stand vor ihm, ganz plötzlich, sie war auf ihrem Weg vom Nachbartisch zur Theke noch schnell zu seinem herbei gehuscht. Was kann ich Ihnen noch bringen, fragte sie hastig. Und trotzdem so freundlich und wunderbar, dachte er. Sein Puls schlug ihm bis unter sein Kinn. Würde er wirklich? Ja! Tu’ es, mach’ es endlich wahr! In ein paar Jahren, wenn du es nicht getan haben wirst, wirst du es sowieso wieder bereuen. Wie alle diese Dinge, die du nicht getan hast. Immer hast du sie bereut! Nun war der Moment. Dies war der Moment, der einzige, den es je geben wird.

Entschuldigung, mein Herr, haben sie mich nicht gehört? Was kann ich ihnen bringen?, wiederholte sie ihre Frage von eben. Bringen sie mir bitte…einen Kaffee. Er sagte nicht mehr. Wieder nicht. Gerne, bring’ ich ihnen gleich, sagte sie und husch war sie wieder verschwunden. Als sei nichts besonderes gewesen. Als hätte er ihr nicht die Wahrheit sagen wollen, die ganze, ehrliche Wahrheit.

Ich liebe dich. Das wollte er ihr sagen. Seit ich dich das erste Mal gesehen habe. Seit ich Deine Stimme gehört habe und deine Augen mich angestrahlt haben, weißt du es noch? Erinnerst du dich an diesen Moment, als wir uns zum ersten Mal begegnet sind? Es war als hättest du mich zu dir gerufen. Und du wolltest ein neuen Leben mit mir beginnen, nicht wahr? Lass uns träumen, hast du gesagt. Ja, einen gemeinsamen Traum, nur du und ich. Ich liebe dich.

Das alles wollte er ihr sagen.

Sein Kaffee kam und sie verschwand. Er sah sie nie wieder. Er ging nun immer woanders seinen Kaffee trinken. Und wieder war es nur Reue, die er empfand.

Ein Kommentar

  • lautsprechermg

    Ach, wenn doch nur der Wind nicht wär’,
    Dann röchen wir die Linsensupp’ mehr.

    Bezaubernde Kurzgeschichte über verpasste Chancen und die immer gleichen Selbstvorwürfe im Nachhineien.

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